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Die Bedeutung lokalhistorischer Forschungen zum Jahr 1933

Am 5. November 2012 hielt Dr. Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) auf dem 40. Plenum des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit des Landes Brandenburg ein Impulsreferat zum Thema „Die Bedeutung lokalhistorischer Forschungen zum Jahr 1933“.

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus dem Vortrag.

Geschichte ist eine Ressource für politische Auseinandersetzung, aus der sich offensichtlich auch die Gegner der Demokratie bedienen. Sie ist aber nicht beliebig einsetzbar, sondern muss sich am realgeschichtlichen Prozess orientieren.

Selbstverständlich ist Geschichte auch für uns Demokraten eine Ressource, die wir nicht brach liegen lassen sollten. Der Unterschied des Umgangs mit Geschichte ist natürlich ein gewaltiger. Die Geschichtssicht der Rechtsextremen versucht, die Fakten dort zu beugen und zurecht zu biegen, wo sie nicht ins erwünschte Bild passen. Das brauchen wir nicht. Im Gegenteil, wir sollten genau schauen: was ist wirklich passiert, was können wir auf der Faktenebene festhalten. Und dann können wir im nächsten Schritt sagen, was daran ist interpretierbar, was daran ist diskutierbar. Hannah Arendt sprach in diesem Zusammenhang von den Faktenwahrheiten, die eben nicht der Meinung und nicht der Diskussion unterliegen.

Wir können über vieles reden. Wir können sagen: Es hat 1933 eine „nationale Revolution“ gegeben oder eine „Machtübertragung“ oder eine „Machtergreifung“. Wir können mutmaßen, dass das Kapital seine „Strippen“ gezogen und Hitler als Reichskanzler eingesetzt habe. Oder wir können mutmaßen, dass ein geistig umnachteter Hindenburg nur unterschrieben habe, was ihm sein Sohn und sein nächstes Umfeld eingeflüstert haben. Oder wir können unterstellen, Hitler habe hier kühn die Macht an sich gerissen. Aber was wir nicht tun können: Wir können nicht bestreiten, dass am 30. Januar 1933 Paul von Hindenburg als Reichspräsident den Führer der stärksten Reichstagsfraktion mit der Bildung eines Kabinetts beauftragte. Weder hat es einen Staatsstreich gegeben, weder ist Hindenburg mit gezogener Waffe dazu gezwungen worden, noch ist Hitler über freie Wahlen an die Macht gekommen. Hitler hatte zwar ein gutes Drittel der Wählerinnen und Wähler hinter sich (die NSDAP stellte die größte Reichstagsfraktion), aber das erste Kabinett Hitler besaß keine parlamentarische Mehrheit.Beides müssenwir in unserer Darstellungberücksichtigen. Das ist natürlich allgemein bekannt, es kann in Geschichtsbüchern nachgelesen werden. Aber ich meine trotzdem, dass man gerade beim aktuellen Stand diese Faktenwahrheiten verteidigen muss, bevor man in die Diskussion über ihre Interpretation eintritt.

Wir beobachten eine Tendenz, alle möglichen Legendenbildung maßlos zu legitimieren. In der Geschichtswissenschaft sprechen wir von „postmodernen“ Geschichtsbildern, die gleichberechtigte „Narrative“ nebeneinander her bestehen lassen. Jedes „Narrativ“ erhält dabei quasi den gleichen Wert. Das führt zu dem Ergebnis, dass uns die reale Geschichte entgleitet. Diese Form der Legendenbildung ist im Übrigen immer gefährlich, nicht nur wenn sie von Antidemokraten geäußert wird.

Wir haben z. B. in den Uni-Seminaren der letzten Jahre öfter festgestellt, dass das historische Wissen über das Jahr 1933 bei den Studierenden abgelöst wird von einer kruden Vorstellung, dass faktisch die erdrückende Mehrheit der deutschen Bevölkerung das nationalsozialistische Regime getragen hat. Es gibt auch Historiker und Historikerinnen, die diese Sicht begünstigen. Sie sagen im Prinzip, dass die deutsche Bevölkerung den Nationalsozialismus ja gewollt hätte. Und die paar Leute, die da im Widerstand waren, seien sicher mutig gewesen, aber ihr Einfluss könne vernachlässigt werden. Es entsteht der Eindruck, dass sich quasi die gesamte deutsche Bevölkerung aus bösem Impuls gegen Minderheiten zusammengeschlossen hätte. Dabei geht meines Erachtens verloren, was für ein immenser Gewalteinbruch das Jahr 1933 gewesen ist, in welcher enorm schnellen Folge diese Diktatur errichtet wurde. Das, so hoffe ich, wird ein Teil-Lerneffekt der Webseite Brandenburg’33 sein. Nämlich zu verstehen und noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass die Nazi-Diktatur von Anfang an, vom ersten Abend an, als die SA mit knallenden Pistolen durch die Charlottenburger Wallstraße zog, eine exzessiv gewalttätige Diktatur, ein extrem terroristischer Staat war. Ich habe den Eindruck, dass das bei den heutigen Studierenden mitunter einfach in Vergessenheit geraten ist.

Was wir im Prinzip für das Jahr1933 festhalten müssen, ist dieses Nebeneinander oder auch Zusammenspiel von begeisterter Beteiligung, brutaler Ausgrenzung, von einknicken, mitmachen, sein Scherflein ins Trockene bringen, gucken, wie man sich rettet, wie man überwintert, wie man sich anpasst, bis hin zu der Welle brutalster und exzessiver Gewalt, die die Gewalttaten des 2. Weltkrieges gleichermaßen vorweg nimmt und vorbereitet. So wurde z. B. hier auf dem Territorium des Landes Brandenburg, in Oranienburg bereits am 21. März, also am Tag von Potsdam, ein Konzentrationslager errichtet.

Da gab es einerseits die ideologischen und ökonomischen Angebote an die Bevölkerung und andererseits die offene Gewalt. Das sind, meine ich, die Elemente, die wir im Blick haben und gleichberechtigt anschauen müssen.

Fünfzig Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1933 fand in der Bundesrepublik gewissermaßen der Durchbruch für den Abschied von der heroischen nationalen Geschichtsschreibung statt. Der Bruch ging von den Bewegungen von unten aus, von Basisbewegungen. Sie zwangen die Historikerzunft, die bis dahin eigentlich vom Nationalsozialismus wenig wissen wollte oder ihn als einen „Sonderfall“ aus der nationalen Geschichte auszugrenzen suchte, dazu, sich den weniger heroischen und weniger schönen Seiten der Geschichte zuzuwenden. Die Entwicklung wurde damals getragen von Gewerkschaften, Basisinitiativen und Bürgerinitiativen und durch die vielen Ausstellungen und lokalen Gedenkveranstaltungen, durch „antifaschistische Stadtrundgänge“ und dergleichen mehr. Oft geschah dies gegen die städtischen Entscheidungsträger, gegen die lokalen Medien, gegen die Kommunalverwaltung und im Streit mit dem jeweiligen Lehrstuhlinhaber für neuere und neueste Geschichte. Viele regionalgeschichtliche Dokumentationen aus den 1970er und vor allem 1980er Jahren sind – trotz gelegentlicher ideologischer Verengungen – immer noch brauchbare Materialien.

Ich teile nicht die Ansicht, dass der beschriebene Prozess in der DDR gar nicht stattgefunden habe. Es lässt sich u. a. feststellen, dass die Historiographie in der DDR (die sich bereits seit den 1970ern z. B. für Themen wie die Zwangsarbeit oder die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden zu interessieren begann) auf die neue Bewegung der „Geschichte vor Ort“ im Westen reagierte. Aber auch jenseits davon hat es, freilich unter den Bedingungen der Diktatur, Bürgerinitiativen und bürgerrechtliche Initiativen gegeben, die genau dort angesetzt haben. Auch die Aktion Sühnezeichen leistete ihre Arbeit in der DDR in bewundernswerter Weise.

Was man aber nicht leugnen kann, ist, dass eine Welle der Bemächtigung der Geschichte durch die Bevölkerung in der DDR nicht so stattfinden konnte wie in der Bundesrepublik. Denn in der DDR herrschten andere Bedingungen: keine Vereinigungsfreiheit, keine Versammlungsfreiheit, kein Demonstrationsrecht, keine freie Presse und keine freie Forschung und Lehre. Bis heute ist daher m. E. eine gleiche Dichte des Wissensstandes zur Lokalgeschichte im Osten noch nicht erreicht.

Ich würde mich sehr freuen, wenn das Land Brandenburg die Chance nutzt, in diesem Jahr 2013 das Jahr 1933 stärker zu betrachten. Wir wollen wissen, was hier passiert ist. Wir wollen genauer hingucken: in der ganzen Breite, in der ganzen Differenziertheit. Wir wollen die Gesamtpalette, vom lokalen Terror über das verbreitete Mitmachen, über die brutale Ausgrenzung bis hin zum Widerstand, ausleuchten und kennenlernen. Und es würde mich freuen, wenn das ein Ergebnis dieser tollen Webseite Brandenburg’33 ist.