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Oral History in der Bildungsarbeit

Die Befragung von Zeitzeugen ist eine verbreitete Methode sich Geschichte über einen individuellen Zugang anzunähern. Der Aufsatz gibt Hinweise zu den Fragen: Wie funktioniert Erinnerung? Wie führe ich ein Zeitzeugeninterview? Wie ist die rechtliche Situation?

Von Birgit Marzinka

Die Geschichtswissenschaft bediente sich traditionell schriftlichem Archivmaterial, analysierte aber auch Sachquellen. Sie berief sich auf Aussagen von Experten und seit den 60er Jahren auch auf Zeitzeugenaussagen, zunächst nur von PolitikerInnen, Prominenten und wichtigen Persönlichkeiten der Wirtschaft. Die Alltagsgeschichte bzw. die Erlebnisse der allgemeinen Bevölkerung fand aber selten Eingang in die Geschichtsbücher und Museen. In den 1980er Jahren erfolgte ein Umdenken, das hauptsächlich von kleinen Initiativen, Geschichtswerkstätten und Gruppen, die vor allem Lokalgeschichte untersuchten, ausging. Diese fingen an, ZeitzeugenInnen vor Ort zu befragen und nahmen die Berichte als Quelle für ihre historischen Aussagen und Analysen. Hierbei beriefen sie sich auf die Oral History, auf die mündliche bzw. erinnerte Geschichte. Sie wollten eine neue Geschichtsschreibung einführen, die sogenannte Geschichte von unten und die Alltagsgeschichte. Von der offiziellen Geschichtswissenschaft wurde diese Richtung über Jahre abgelehnt. Inzwischen hat sie Einzug in verschiedene Wissenschaftsbereiche (Soziologie, Ethnologie und Geschichte) gehalten und sich als Teil der Biografieforschung etabliert.

Geppert definiert Oral History folgendermaßen:

„Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mündliche Erinnerungsinterviews mit Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse durchzuführen und (in der Regel) gleichzeitig in reproduzierfähiger Weise auf einem Tonträger festzuhalten, um auf diese Weise retrospektive Informationen über mündliche Überlieferungen, vergangene Tatsachen, Ereignisse, Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen oder Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.“ (Geppert, 1994, S. 313)

Generell geht es in der Geschichtsschreibung immer um die Rekonstruktion  von Vergangenem. Um dieses zu rekonstruieren, werden Quellen herangezogen. Die Art und Weise der Rekonstruktion kann sehr unterschiedlich sein und hängt auch davon ab, welche Quellen genutzt werden. Auch bei kleinen Geschichtsprojekten, wie bei Lokalgeschichtsprojekten, handelt es sich um eine Geschichtsschreibung.

Was heißt Erinnern

Augenzeugenberichte als Quelle müssen immer hinterfragt werden, denn es sollte bedacht werden wie sie entstanden sind. Um die Kritik an Zeitzeugenberichten verstehen zu können, ist es sinnvoll sich erst einmal grundsätzlich überlegen, was Erinnern bzw. Erinnerung beinhaltet bzw. bedeutet. Sie können sich  hierfür auch erst einmal selbst in die Situation des Erinnerns begeben und vor dem inneren Auge nochmals den ein zurückliegendes Ereignis wie den ersten Schultag Revue passieren lassen. Fragen kommen dabei auf wie: An was erinnere ich mich, wie erinnere mich, warum erinnere ich mich, auf was beziehe ich mich bei der Erinnerung, zum Beispiel auf Erzählungen von Bekannten oder Verwandten, Fotos, Filme usw.

Mit dieser kleinen Übung können Sie gut feststellen, dass Erinnerung selektiv ist, das heißt das niemand sich so erinnert wie etwas war, sondern nur an Ausschnitte. Alle rekonstruieren die Situation aufgrund eigener Erinnerung, Erzählungen anderer und auf der Grundlage von Medien wie Fotos. Diese Rekonstruktion hat dann auch oftmals nichts mehr mit dem zu tun, was man wirklich selbst erlebt hat. So verändern die Erinnerung auch Dokumentarfilme im Fernsehen. Diese Informationen werden der persönlichen Erinnerung hinzugefügt und oftmals so eingebaut, als wäre man selbst dabei gewesen. Diese menschliche Eigenschaft verzerrt die Zeitzeugenaussage sehr, denn die Prozesse laufen oftmals unbewusst ab.

Ein weiteres Phänomen der Erinnerung ist, dass man  vieles vergisst. Zum Beispiel: Wer erinnert sich noch, was man vor einem halben Jahr, an einem ganz gewöhnlichen Wochentag, morgens zum Frühstück gegessen hat oder wie man vom Bett aufgestanden ist? Kein Mensch kann sich alles ganz genau merken, man lässt vieles weg, auch wenn man denkt, sich genau an die Situation erinnern zu können.

Zeitzeugenberichte sind immer subjektiv, das heißt sie werden von einer bestimmten Perspektive und mit eigenen Interpretationen erzählt. Wenn Sie die gleiche Situation von zwei beteiligten Personen unabhängig voneinander erzählen lassen und die beiden Beschreibungen miteinander vergleichen, treffen Sie bestimmt auf zwei unterschiedliche Versionen. Dies liegt an den unterschiedlichen Perspektiven, aber auch daran, dass die Situation jeweils eine unterschiedliche Bedeutung hat, je nachdem ob man selbst davon betroffen war oder ob man sie „nur“ beobachtet hat. In manchen Situationen führt das auch dazu, dass falsche Aussagen gemacht werden, die eher auf einer Idee bzw. einem Vorurteil beruhen, als auf die Situation selbst.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man sich ungern an schlechte bzw. traumatische Situationen erinnert und diese sehr stark durch die eigene psychische Situation eingefärbt sind. Dies ist ein normaler Prozess, denn der Mensch tendiert dazu, sich selbst zu schützen. Dies erfolgt durch das Ausblenden oder nicht mehr erinnern wollen einer Situation. So erzählen viele Menschen ihre traumatischen Erlebnisse nicht, oder es kann Jahrzehnte dauern, bis sie zum ersten Mal darüber berichten.

Durch das Erzählen rutscht man nochmals in die damalige Situation mit samt den damaligen und heutigen Gefühlen. So kann es sein, dass der oder die ZeitzeugIn das aktuelle Umfeld vergisst und nur noch begrenzt auf die Umwelt eingeht. Es läuft oftmals ein innerer Film ab, aus dem der/die ZeitzeugIn nur schwer wieder herauskommt, besonders wenn es sich um traumatische Erlebnisse handelt.

Zusammengefasst sollten folgende Punkte bedacht werden, wenn Sie Zeitzeugeninterviews selbst führen oder solche Interviews als Quelle heranziehen:

Die Situation während des Zeitzeugengesprächs

Bei Gesprächen bzw. Erzählungen werden von Seiten der ZeitzeugInnen Interessen verfolgt. Oft möchten sie etwas ganz Bestimmtes erreichen, zum Beispiel zeigen, dass die „Zeit damals gar nicht so schlimm war“ oder „wir keine Täter waren“. Sie können auch das Ziel haben, dass „solch eine Zeit nie wieder kommen darf“. Ohne diese Interessen oder Ziele bewerten zu wollen, müssen Sie sich klarmachen, dass  sie das Erzählte beeinflussen. Weiterhin finden Zeitzeugengespräche oft mit einem Auftrag statt, wie um zu zeigen wie Diktaturen funktionieren, um sie zukünftig zu verhindern. Auf diese Verzerrungen können Sie während des Interviews bzw. Gesprächs ein stückweit Einfluss nehmen.

Ein Zeitzeugeninterview ist immer das Ergebnis von beiden Parteien, von den  InterviewerInnen und von den Interviewten. Zum einen wählen Sie als InterviewerInnen die Fragen aus, Sie befragen nur über einen bestimmten Ausschnitt des Lebens. Auch die Art und Weise wie die Fragen gestellt werden, beeinflusst die Antwort. Es sollten eher offene Fragen als geschlossene stellen, damit der/die ZeitzeugIn sie ausführlich beantworten kann. Nicht alle ZeitzeugInnen eignen sich für Interviews. Manche zum Beispiel antworten immer nur kurz auf Fragen oder beantworten sie überhaupt nicht. Die ZeitzeugInnen sollten körperlich und geistig möglichst gesund und rege sein, ansonsten kann das Gespräch auch frustrierend verlaufen.

Auf der anderen Seite erzählt der/die InterviewpartnerIn auf eine bestimmte Weise, um in einem guten Licht da zu stehen, besonders vor größeren Gruppen wie Schulklassen. Hier beeinflussen die aktuellen Normen und Werte weitaus mehr als die damaligen. ZeitzeugInnen berichten über die damaligen Werte und Normen bzw. Verhalten und Taten aus der heutigen Sicht und beurteilen sie nach dieser. Zum Beispiel, wenn sie über die Erziehungsmethoden der Eltern berichten und sie heute als streng einstufen, während sie damals die Meinung gehabt hätten, das es ein „ganz normaler Erziehungsstil“ war. Das führt dazu, dass bestimmte Situationen stärker betont und andere unter Umständen weggelassen werden.

Zeitzeugeninterviews in der Schule und in der außerschulischen Bildung

Trotz aller Kritik an Zeitzeugeninterviews sind sie für die Bildungsarbeit sehr wichtig. Die ersten Erfahrungen der mündlich überlieferten Geschichte beginnt bereits in der Familie. Die Eltern, Großeltern, Verwandte und FreundInnen der Eltern erzählen den Kindern und Jugendlichen „wie es früher war“ und vermitteln somit aktiv zeithistorisches Wissen. Mit diesen Erzählungen wird Vergangenes greifbar und wird begleitet mit einer gewissen Emotionalität. Vergangenes ist nicht irgend etwas Abstraktes, sondern wirkt authentisch bis faszinierend.

Die Zeitzeugeninterviews bzw. gespräche sollten gemeinsam in der Gruppe gut vorbereitet werden, um einen höheren Erfolg zu erzielen und um mehr Informationen zu erhalten. Es sind alle Beteiligten dadurch gefordert, nötige Informationen zu recherchieren, eigenes Wissen einzuordnen, geschichtliche Ereignisse in einen Kontext zu stellen, die Fragen inhaltlich gut vorzubereiten und das Gespräch selbst zu planen. Bei der Begegnung nehmen alle Beteiligte Kontakt zu einer anderen Generation auf, es werden soziale und kommunikative Kompetenzen erlernt und Vorurteile gegenüber der älteren Generation abbauen.

Ein wichtiger Punkt der Begegnung ist die Reflexion danach, denn durch diese können die Vor- und Nachteile der Zeitzeugeninterviews aufgezeigt werden und die Inhalte können vertieft und weiter gedacht werden. Möglich ist auch, dass  die eigene Familiengeschichte bei der Auswertung neu analysiert wird, denn durch die Zeitzeugengespräche können  unterschiedliche Lebensmodelle und Einstellung aufzeigt und Vorurteile abbaut werden.

Hinsichtlich der Analyse und Projektdokumentation sollten Sie bedenken, dass zwei bis drei Zeitzeugeninterviews nicht ausreichen um eine allgemein gültige Aussage über ein Ereignis oder eine Epoche zu erstellen, sondern dass Sie mehrere Quellen heranziehen sollten. Nur wenn sehr viele Zeitzeugeninterviews vorliegen, können allgemein gültige Aussagen getroffen werden.

Wie Sie die Fragen vorbereiten, wie sie gestellt werden und wie die Interviews am Besten aufgenommen werden, können Sie im Leitfaden des Webportals „zeitzeugengeschichte.de“ nachlesen, den Sie auf der ersten Seite als pdf-Datei umsonst herunterladen können.

Juristische Situation von Zeitzeugeninterviews

Falls das Interview aufgenommen wird, sollten Sie davor die rechtliche Situation regeln, besonders wenn Sie eine Veröffentlichung planen. Dem/der ZeitzeugIn sollte genau erklärt werden, wie und wann das Interview veröffentlicht wird und es sollte ein Angebot erfolgen, das Interview vor der Veröffentlichung nochmals zu zeigen oder zu hören. Um diese Vereinbarung und Veröffentlichungsinformation zu untermauern, eignet sich am Besten ein schriftlicher Vertrag.

Grundsätzlich haben aber die ZeitzeugInnen jederzeit das Recht, eine Veröffentlichung zu widerrufen, auch wenn sie zuvor genehmigt wurde. Auch die Nachfahren haben die Möglichkeit die Veröffentlichung bis 50 Jahre nach dem Tod des/der ZeitzeugIn zu sperren. Für die Archivierung des Medienmaterials ist dies ein wichtiger Punkt. Es müssten Fragen klären wie: Wer hat Zutritt zu dem Material, für was kann es verwendet werden.

Viele Interviews werden auf Wunsch des/der ZeitzeugIn anonymisiert, so dass keine persönliche Daten vermittelt werden, aber auch das Gesicht bzw. die Stimme nicht erkennbar sind. In so einem Fall müssen Sie jeweils entscheiden, ob Sie das Interview trotzdem führen und aufnehmen.

In vielen Bereichen liegt vor allem im Hinblick auf die Archive keine klare Rechtsprechung vor. Generell kann man sagen, dass in der deutschen Rechtsprechung der Schutz der Persönlichkeit sehr hoch veranschlagt wird und das dieser Punkt im Falle eines Rechtsstreits  bedacht werden muss.

 

Archive für Zeitzeugeninterviews:

- Deutsches Gedächtnis, Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen

- Virtual History Archive (VHA), Shoa Foundation an der Freien Universität Berlin

- Geschichtswerkstatt in Berlin

- Werkstatt der Erinnerung, Oral-History-Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

- Brücke/Most-Stiftung zur Förderung der deutsch-tschechischen Verständigung und Zusammenarbeit

- Zeitzeugen TV Film- und Fernsehproduktion GmbH

- Deutsches Historisches Museum

- Zeitzeugengeschichte.de

- Zwangsarbeit 1939-1945

Literatur:

Geppert, A. C. T.: Forschungstechnik oder historische Disziplin? Methodische Probleme der Oral History, in: GWU 45 (1994), S. 303-323.

Niethammer, L. (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der Oral History, Frankfurt/Main 1985.

Webseiten zum Nachschlagen:

Lernen aus der Geschichte: Stichwort Oral History

Bundeszentrale für politische Bildung: Oral History. Chancen, Grenzen, Praxis